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Home Page Author's Society Süleyman Wolf Bahn Sema - Symbole und Geschichten
  • Sema - Symbole und Geschichten

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    Sema - Symbole und Geschichten 

     

    Als schon alle Gäste anwesend waren, fragte die Moderatorin des Veranstalters: „ Wo ist Süleyman?" Gerade da kam Süleyman Bahn herein, hörte diese letzten Worte und begann unvermittelt seinen Vortrag:

     Aysa, die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed - der Friede sei mit ihm - hatte einmal dasselbe gefragt: Mohammed war nicht nach Hause gekommen und sie war die ganze Nacht wach und hat auf ihn gewartet. Als er endlich gekommen ist, hat sie ihn gefragt: „ Wo warst du, mein Mann? Aysa hat sich Sorgen gemacht und  hat die ganze Nacht auf dich gewartet!"

    Der Prophet antwortete: „Wer ist Aysa ?" Und Aysa antwortete: „Die Frau von Mohammed!"

    Aber er hat dann gefragt: „Wer ist Mohammed?"

     Das, was in dieser Geschichte beschrieben wird, ist eigentlich auch das Thema des heutigen Vortrages. Und man könnte sagen, dass ich zwar da bin, um diesen Vortrag zu halten, aber dass ich hoffentlich nicht da bin.

     Wir sprechen jetzt von Sema. Sema ist ein Weg zu diesem Ziel des Nicht-da-Seins.

     

     Wir können Sema auch sehen als sportliche, meditative, tänzerische Bewegung. Aber das ist nicht das Wesentliche an Sema.

     

     Sema ist der Weg von dort, wo ich bin, zu meinem Ziel.

    Gott hat im Koran gesagt: „Ihr kommt von mir, und zu mir werdet ihr zurückgebracht." Und wir haben uns auf den Weg gemacht, zurückzugehen. Und Sema ist für uns eine Hilfe, zurückzugehen.

      

     

    Das Sema-Ritual hat viele Stufen und viele symbolische Bedeutungen.

     

    Bevor das Ritual beginnt, legt man auf eine bestimmte Stelle der Tanzfläche ein rotes Fell.

    Das Fell soll uns an Hz. Abraham erinnern, der seinen Sohn opfern sollte.

    Aber Gott hat ihm gesagt, dass er seinen Sohn nicht opfern soll, sondern statt dessen einen Widder, der sich in der Nähe in Dornen verfangen hatte. Diesen Widder hat Abraham gemeinsam mit seinem Sohn dann geopfert.

     

    In den Dornen, die rund um mein Herz sind, steht auch so mancher Widder.

    Und das Fell erinnert uns daran, dass wir diese Widder unserem Schöpfer, Allah, opfern sollen.

    Das Opfern hat bei uns - im westlichen Kulturkreis - einen sehr archaischen, blutigen Beigeschmack.

    Man kann ein Opfer aber auch ganz einfach als Geschenk sehen.

    Als ich meinen Widder Gott opfern wollte, mit dem Messer, da habe ich einen Widder geopfert und zehn neue dafür gehabt.

    Und das ist so weitergegangen und irgendwann habe ich erkannt und gesagt: „Mach Du es, oh Allah! Schneide Du diesem Widder in mir den Kopf ab. Wenn Du willst, nimm Du ihn !"

    Und Gott hat das lebendige Tier genommen, ohne ihm den Kopf abzuschneiden, und er hat es dort hingebracht, wo es in Ruhe und Frieden weiden kann und seinen Sinn erfüllt.

     

    Ich versuche, Ihnen dafür noch ein praktisches Beispiel zu geben:

     

     Als ich hierher gekommen bin, habe ich gehört, es sind 100 Leute da.

    Man muss wissen, dass ich von Kindheit an eine große Prüfungsangst habe. Und wenn mich mein Lehrer aufgerufen hat, dann konnte ich nicht antworten, weil ich so aufgeregt war.

    Als ich jetzt hierher gekommen bin, habe ich gesagt: „Oh mein Gott, ich habe Angst vor diesen 100 Menschen. Oh Gott, nimm meine Nervosität, ich schenke sie Dir, nimm sie und bringe sie irgendwohin, wo sie von Nutzen ist."

     

    Und später dann bin ich ein bisschen spazieren gegangen und da habe ich auf einer Weide Pferde gesehen und als ich einem Pferd zugesehen habe, ist es plötzlich ganz lustig herumgesprungen.

    „Oh", habe ich gedacht, „dort hat diese Nervosität einen Sinn, vielleicht  hat Allah sie dort hingetan, vielleicht hat er sie diesem jungen Pferd gegeben."

     

    Wir müssen sehen lernen, dass alles, was existiert, einen Sinn hat.  Es gibt nichts, das nicht einen Sinn hätte. Nur ist manchmal nicht alles in Ordnung. Wir müssen nur versuchen, Ordnung zu schaffen.

    Und wenn wir erkennen, dass wir das nicht können, müssen wir lernen Gott zu bitten: „Mach Du, dass die Dinge in Ordnung kommen."

    Das ist eigentlich alles.

    Wenn wir das können, brauche ich hier nichts weiter zu sagen.

     

     

    Mein Scheik, Süleyman Dede,  hat mir einmal eine schöne Geschichte erzählt.

     

    „Stell dir vor", hat er gesagt, „hier sind lauter Sufis. Und die werden eingeladen zu einem prächtigen Essen. Und stell dir vor, in der Mitte des Raumes steht ein Tisch und in der Mitte dieses Tisches steht ein großer Strauß Blumen. Und wir alle würden uns an diesen Blumen erfreuen, wir würden unsere Nasen öffnen um sie zu riechen und wir würden unsere Augen öffnen um ihre Schönheit zu sehen und wir würden versuchen, sie mit unseren Herzen zu empfangen.

     

    Und jetzt stell dir vor, es käme auf den gleichen Tisch nicht ein Strauß Blumen, sondern eine Schüssel voll Kot.

    Wir würden uns abwenden, um sie nicht sehen zu müssen, wir würden unsere Nasen schließen, um sie nicht zu  riechen. Wir würden versuchen, uns von diesem Kot möglichst  zu distanzieren.

    Wenn wir jetzt aber die Blumen fragen würden, ob sie den Kot haben wollen, dann würden sie mit ihrer leisen Sprache antworten: `Gib uns den Kot, er ist für uns Lebensgrundlage, wir empfangen ihn gerne´.

    Daher sollen wir alles als Geschenk Gottes sehen und nicht glauben, etwas sei sinnlos oder negativ.

     

    Zurück zum Sema-Ritual: wir sprachen von dem roten Fell, das am Rande der Tanzfläche liegt.

     

    Auf diesem Fell - wir nennen es Post - hat der Scheik seinen Platz.

    Und zu diesem Fell führt quer durch die Tanzfläche eine unsichtbare Linie. Diese Linie nennen wir Pol oder auch Äquator. Nur der Scheik darf diese Linie betreten.

     

    Der Äquator teilt die Tanzfläche in zwei Teile:

    - die rechte Seite symbolisiert die offenbarte Welt,

    - die linke Seite symbolisiert die uns nicht offenbarte, die geistige Welt.

    Aber es ist alles eine Schöpfung.

     

    Nur der Scheik darf diese Linie betreten. Er soll sozusagen in beiden Welten gleichzeitig zu Hause sein. Dies ist auch eigentlich das Symbol für den Begriff: Derwisch. Das Wort Derwisch heißt übersetzt: Türschwelle.

    Der Derwisch soll genau in der Mitte sein, in der Mitte des Lebens stehen, in der Mitte zwischen der Außenwelt, der offenbarten Welt und der Innenwelt. Die Türschwelle verbindet die Strasse mit dem Inneren des Hauses und liegt genau in der Mitte. Da ist der Platz des Derwisch.

     

    Da fällt mir gleich wieder eine Geschichte ein, eine Geschichte die sich erst gestern zugetragen hat:

     

    Mein - englischsprachiger - Freund Ad, der der Küchenmeister hier ist und bei dem ich Unterricht in Brotbacken genommen habe. Er  hat gestern abend  zu mir gesagt, als wir gerade zusammen Brotteig gemacht haben: „Now it is time, give your bread more tension. Put now tension in it."

    Ich hatte aber verstanden: „give your bread-dough more intention". Und ich habe mit aller Aufmerksamkeit gewalkt und geknetet und sehr andächtig und konzentriert habe ich „Allah...Allah...Allah" geflüstert. Und ich habe versucht, alle meine Fähigkeiten in meditativer Intention und Liebe in diese Arbeit zu legen.

    Das war aber nicht das, was der Teig gebraucht hat; er hat „tension", das heißt Spannung, benötigt. Und erst, als ich meinen Hörfehler erkannt habe, ist aus dem Teig ein richtiger Brotteig und später  ein gutes Brot geworden.

     

    Und so sehen wir wieder das Gleichgewicht zwischen Intention und Spannung.

     

    Und wenn wir hier in unserem Kreis lernen, uns immer wieder zu entspannen und loszulassen, dann heißt das noch lange nicht, dass wir nicht auch Spannung haben sollten.

    Ohne Spannung ist keine Entspannung möglich. Sonst schmeckt uns unser Leben nicht.

    Der Platz des Derwisch ist im Leben zu stehen, also auch mit Spannung leben können.

     

     

    Zurück zu Sema.

    Die Derwische betreten den Raum in schwarzen Kleidern. Aber unter diesen schwarzen Kleidern haben sie weiße Kleider.

    Die schwarzen Kleider symbolisieren das Grab. Welches Grab ?

     

    Wir haben immer Angst vor dem Grab, aber das einzige, was uns sicher ist, ist die Tatsache, dass wir irgendwann ein Grab haben werden.

    Und wir wissen, dass es schon seit vielen tausend Jahren Menschen gibt und wir wissen ziemlich genau, dass wir nicht die letzten sind, die auf dieser Welt leben .

    Und trotzdem haben wir Angst vor dem Grab.

    Der Gedanke an den Tod ist das Schlimmste für einen Menschen.

    Wenn wir aber wirkliche Gläubige wären, dann hätten wir keine Angst vor dem Tod, denn der Tod ist nur eine andere Form des Lebens für uns.

    Und so neugierig, wie wir normalerweise in diesem Leben sind, so könnten wir doch auch neugierig auf dieses andere Leben sein.

    Und trotzdem haben wir Angst und wir versuchen nicht einmal, uns richtig darauf vorzubereiten.

    Wir bereiten uns 25 Jahre in unserem Leben auf das Leben vor; dann müssen wir 40 Jahre arbeiten und freuen uns auf die Pension, weil wir hoffen, da endlich leben zu dürfen und dann wenn wir im Ruhestand sind, bemerken wir, dass wir unser ganzes Leben nicht leben konnten bzw. gelebt haben.

    Da stimmt etwas nicht in unserer Ausrichtung.

     

    Ich habe einen Freund, der hat mich vor ein paar Wochen zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen. Da habe ich ihm eine Karte geschickt und ich habe ihm geschrieben:

    „Warum hast du mich eingeladen zu deinem Geburtstag? Das passt doch gar nicht zu dir, Geburtstag zu feiern!?"

     

    Dazu muss man wissen, dass er ein sehr guter Bergsteiger ist, der sehr intensiv leben kann, der eine schwere Krankheit hinter sich hat und der sich deshalb mit dem Tod schon sehr gut auseinandergesetzt hat.

    Und da habe ich ihm geschrieben: „ Geburtstage sollten doch nur Menschen feiern, die sich sonst das ganze Jahr nicht daran erinnern, dass sie leben. Menschen wie du haben doch jeden Tag Geburtstag !"

     

    Und so geht es mir seit vielen Jahren: ich mag solche Feste nicht mehr feiern. Und ich habe mir vorgenommen, meine Freunde eines Tages zur Erinnerung an meinen Tod einzuladen. Das kann nächstes Jahr oder in zwei Jahren sein und das soll  ein schönes Fest werden.  Ich möchte nämlich selbst auch mit dabei sein und mich an mich selbst und mein Leben erinnern dürfen.

     

    Mit dem schwarzen Mantel der Semazen sind genau diese Sachen gemeint, von denen ich gerade gesprochen habe: Gedanken über das Leben, Gedanken über den Tod. Dieses Sterben, diese Geburtstagsfeste in mir sterben zu lassen.

    Lass das Vergangene gehen !

    Lassen wir das Vergangene sterben und wenden uns dem nächsten Schritt zu !

     

    Wenn die Derwische in ihren schwarzen Kutten kommen und sich auf den Boden setzen, verharren sie symbolisch gesehen in ihrem Grab und sie meditieren genau über dieses Thema.

     

    Und plötzlich kommen dann einige Trommelschläge: sie symbolisieren den Anruf „Aufwachen, wach auf !"

    Aufwachen heißt: Mach dich auf den Weg, jetzt! Es nützt nichts, zu träumen ! Wach auf !

    Es nützt nichts, davon zu träumen, dass du schon aufgestanden wärst !

    Mach den ersten Schritt - vielleicht langsam und unsicher, das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass du ihn machst.

    Und genau so bewegen sich dann die Derwische hintereinander entlang der Peripherie des Tanzkreises, in ganz langsamen ruhigen Schritten ....

     

    Und immer, wenn sie diese imaginäre Linie überschreiten, verbeugen sie sich voreinander. Das heißt, sie helfen einander, über diese Linie zu kommen. Und so sollen wir uns gegenseitig helfen, diese Linie laufend, immer wieder zu überschreiten.

    Aber die Hilfe besteht nicht darin, dass der Hintermann dem Vordermann sagt: „Geh` doch endlich weiter" oder dass der Vordermann zum Hintermann sagt: „Komm, komm, ich helfe dir, aber bitte nach mir, weil ich weiß es ja viel besser als du. Und nur wenn du auch auf das hörst, was ich dir sage, dann helfe ich dir (aber nur dann)!"

     

    Das sind alles Schläge. Ratschläge sind auch Schläge und das wollen wir hier nicht.

     

    Wenn eine richtige Derwischgruppe zusammen ist, dann steht der letzte Derwisch in der Reihe dem ersten - dem Scheik - gegenüber, d.h. der Kreis ist geschlossen.

    Ein Kreis hat keinen Anfang und kein Ende. So ist die Position des Scheiks nicht die Position eines besonderen Derwisches, sondern er ist einer in diesem Kreis.

    Aber diese Bezeichnung „einer in dem Kreis" bezieht sich auf das Symbol des Weges. Denn der Derwisch geht seinen Weg und lässt sich vom nächsten helfen und auch der Scheik geht seinen Weg und lässt sich vom nächsten helfen.

     

    Innerhalb eines Sufizirkels hat der Scheik selbstverständlich eine andere Rolle. Die muss der Scheik akzeptieren und die müssen die Derwische akzeptieren. Ich selbst habe viele Jahre gebraucht, bis ich die Rolle des Scheiks akzeptieren konnte.

     

    Diese dreimalige Umschreitung des Kreises durch die Derwische, die ich gerade beschrieben habe, hat natürlich auch wieder eine symbolische Bedeutung. Sie bedeutet die drei Stufen unseres Glaubens.

     

    Man muss wissen, dass „Iman" - „Glaube" im Islam etwas anderes bedeutet als in der westlichen Welt. Wenn wir hier im Westen sagen: „Ich glaube, heute kommt noch ein Gewitter", dann können wir auch das als „Glauben" bezeichnen.

    Im Islam wird das Wort „Iman" ausschließlich für die Beziehung des Menschen zu Gott verwendet. Und es bedeutet so viel wie Sicherheit. Es geht nicht um einen Glauben, sondern mehr um Erkenntnis, um eine Gewissheit.

    Wenn wir diese Umschreitungen beim Sema machen, geht es deshalb um die Vertiefung unserer Erkenntnis, die Stufen der Vertiefung bis zur absoluten  Gewissheit.

     

    Und die erste Umschreitung bedeutet, sich Gott mit der Hilfe der Sinne und des Verstandes zu nähern.

     

    Was wir im Moment mit diesem Vortrag tun, gehört zu dieser Stufe: wir setzen uns mit Hilfe unserer Sinne und unseres Verstandes mit unserer Beziehung zu Gott auseinander.

    Zu dieser Stufe gehören auch Gespräche, das Lesen des Koran oder anderer heiliger Bücher.

    Dies ist die erste Stufe nach dem Erwachen eines Menschen.

     

    Wenn ich jetzt sage: „Erwache und mach den ersten Schritt !", dann meine ich nicht, dass jemand unbedingt in unseren Kreis kommen muss, sondern „Mach` DEINEN ersten Schritt - welchen immer - und suche mit deinen Möglichkeiten."

     

    Die zweite Umkreisung bedeutet, dass wir versuchen, den Glauben umzusetzen in Erkenntnis.

    Wir versuchen, Gott in seiner Schöpfung zu sehen.

     

    Wir müssen daran denken, dass der Koran oder die Bibel oder die Thora Offenbarungen Gottes sind.

     

    Aber die Schöpfung ist auch eine Offenbarung Gottes. Und die heiligen Bücher helfen uns, diese viel größere Offenbarung Gottes, die ganze Schöpfung, zu sehen.

    Vielleicht haben die Schamanen deshalb keine heiligen Bücher, weil sie bereits auf dieser zweiten Ebene beginnen.

    Wir jedenfalls versuchen, Gott in seiner Schöpfung zu sehen. Wir versuchen, Gott in den Augen unseres Nächsten zu sehen.

    Und wenn sich die Derwische gegenüberstehen und vor der Linie voreinander verbeugen, dann blicken wir uns in die Augen, weil wir Gott suchen im anderen.

     

    Gerade hier in der Gegend gibt es wunderschöne alte Bäume. Wenn ihr Gelegenheit habt, besucht sie, sie sind eine der Offenbarungen Gottes und man muss blind sein, wenn man das in diesen Bäumen nicht sehen kann !

     

    Und dann gibt es noch eine dritte Umschreitung.

    Diese symbolisiert  die absolute Gewissheit, dass es Gott gibt.

     

    Ich habe einen guten Freund, einen Derwisch. Er ist verheiratet und hat sich plötzlich in eine andere Frau verliebt.

    Und er hat zu mir gesagt: „Aber Gott konnte mich nicht täuschen, denn ich habe ihn schon längst erkannt. Er war hinter dieser Frau! Er hat sich in ihr oder hinter ihr versteckt."

    Und er hat sehr gebrannt für diese Frau, er war voller Feuer, aber er hat es ihr nicht gesagt. Sein eigentlicher Geliebter war Gott. Und Gott hat sich ihm in diesem Spiegel gezeigt und so hat er seine Liebesbriefe an Gott geschrieben.

    Das ist nicht geschehen vor 500 Jahren; das war vor zwei Monaten.

     

    Diese dritte Umschreitung bedeutet die Gewissheit, dass Gott erkannt wird, auch wenn er sich verbirgt.

    Diese dritte Umschreitung der Tanzfläche bedeutet dass der Mensch bereit ist, sich selbst für diese Erkenntnis hinzugeben.

     

    Und damit kommen wir zum nächsten Punkt:

     

    Der Derwisch hat Gott gesucht und hat Gott gesehen; er hat ihn überall mit Sicherheit erkannt und jetzt hat er sich in Gott verliebt. Und in diesem Augenblick wirft der Derwisch die schwarzen Kleider ab und er steht in den weißen Kleidern, in den Kleidern des Sema, die symbolisch sein Leichentuch bedeuten, das Leichentuch seiner Egos.

     

    Zunächst steht er in Grundhaltung. Der Zehen des rechten Fußes liegt über dem Zehen des linken Fußes. Er steht symbolisch auf nur einem Fuß. Die Arme sind kreuzweise über den Schultern verschränkt. Er legt mit dieser Haltung Zeugnis ab. Er gibt Zeugnis von der Einheit Gottes, von der Einheit von Allem. Dies ist ein sehr wichtiger Bestandteil der islamischen Religion. Das Bekenntnis der Einheit wird schon im islamischen Glaubensbekenntnis ausgedrückt. „LA ILLAHA ILLALLAH" Es gibt keine Gottheit außer Gott. Im vertieften Verständnis, das der Suche des Sufi entspricht,  heißt das aber auch : „Es gibt nichts außer Gott".

     

    Wenn er sich dann im Kreise dreht, öffnen sich seine Arme und breiten sich aus. Seine rechte Hand weist nach oben um die Gaben Gottes zu empfangen. Seine linke Hand öffnet sich nach unten um diese Gaben weiter zu geben.

    Der Derwisch soll nichts für sich behalten.

     

    Sein Kopf ist leicht zur rechten Seite geneigt. Seine Augen sind halb geöffnet und blicken in Richtung der linken Hand. Dies zeigt symbolisch, dass er sich auf die gebende Hand konzentriert. Dass sein Kopf zur Seite, außerhalb seiner Drehachse geneigt ist, symbolisiert sein Verhältnis zum Kopf in dieser Stufe.  In dieser Stufe der Erkenntnis kann der Kopf nicht mehr helfen. In dieser Stufe steht er im Wege.

     

    Der große persische Mystiker und Dichter Hafis sagte:" Es gibt kein Hindernis zwischen Liebenden und Geliebten. Der einzige Schleier bist Du selbst. Oh Hafis entferne dich selbst."

     

    Der Derwisch hat mit dem zur Seite legen des Kopfes, symbolisch sich selbst zur Seite gelegt. Er dreht sich jetzt um seine eigene Achse. Er dreht sich um sein eigenes Herz, er dreht sich um seinen Geliebten. Von nun an ist das Sema eine Liebesgeschichte.

     

    Es ist schwer  und vielleicht gar nicht erlaubt, über die intime Geschichte von Verliebten zu sprechen; jeder ist auf seine eigene Weise verliebt.

     

    Dieser Freund von dem ich gerade gesprochen habe, hat mir erzählt, dass es noch kalt war, als er sich so verliebt hat, in seinem Zimmer hatte er nicht geheizt. Also nur ca 10 Grad.

    Und als  die Geliebte nachts in seinem Halbschlaftraum bei ihm lag -  seine Traumgeliebte also - da hat er ihr die Decke gegeben und er hat sich daneben gelegt - aber tatsächlich war eben  niemand außer ihm selbst im Bett.

     

    Die Realität war: er hat gefroren!

     

    Und wie er so gefroren hat, da hat er gesagt: „Oh,  meine Geliebte, du frierst!", und er hat noch eine Decke geholt, um seine Geliebte besser zudecken zu können.

    Da ist er aufgewacht und hat gesehen: „Da bin ja nur ich! Ich glaube ich bin verrückt geworden. Alle müssen glauben, ich bin verrückt."

     

    Er war verrückt! Alle Verliebten sind verrückt!

    Das bedeutet Liebe, die geistige Liebe zum geistigen Geliebten ist noch verrückter, wie die der normalen Verliebten.

    Und über diese Liebe sprechen wir hier und wenn ein Derwisch in diese Liebe kommt, dann ist er im Sema. Egal, was er tut - ob er Schuhe putzt oder sonst etwas - er ist im Sema.

     

     

    Und in dieser Liebe gibt es wieder vier Stufen: Diese vier Stufen werden durch vier verschiedene Abteilungen innerhalb des Sema dargestellt.

     

    Symbolisch heißt die erste Stufe „Sich in Gott verlieben".

     

    Die zweite Stufe heißt „Brennen in Gott".

     

    Die dritte Stufe symbolisiert das „Verbrennen in Gott" und da ist der Derwisch nicht mehr da, er existiert nicht mehr, nur der Geliebte existiert.

    Und in der vierten Stufe schickt ihn Gott wieder zurück auf die Erde.

    Aber er kommt zurück als Diener des Geliebten und er soll nur noch tun, was der Geliebte ihm sagt.

     

    Und seine Zunge wird zu Gottes Zunge.

     

    Und seine Hände sind Gottes Hände.

     

    Und sein Wille ist Gottes Wille.

     

    Aber das kann nur passieren, wenn man verliebt war, wenn man in der Liebe gebrannt hat, wenn man verbrannt ist. Denn sonst bin „ICH" immer noch da.

     

    Und damit schließt sich der Kreis zur Geschichte am Anfang des Vortrages, in der Mohammed fragt: „Wer ist Mohammed?"

    Süleyman Wolf Bahn

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